Seelische Gesundheit, Erkrankung und Chancen der Bewältigung in einer verstörenden Welt

In meinem letzten Beitrag schrieb ich etwas pathetisch, dass wir uns entscheiden müssen, wer wir in diesem Leben sein wollen, was wir zur Gemeinschaft beitragen wollen, wenn wir gut überleben wollen.
Angelehnt an Hellen und Scott Nearing, zwei Pionieren aus der Zeit der amerikanischen Depression, ginge es mir darum ein gutes Leben mit Herz zu führen. Dieses ist frei, weitestgehend selbstbestimmt und wirtschaftlich unabhängig, aber dennoch in Verbundensein mit anderen.
Seelische Gesundheit ist hierzu eine grundlegende Voraussetzung.
Veröffentlichungen der Weltgesundheitsorganisation und der deutschen Krankenkassen machen jedoch deutlich, dass es immer mehr Menschen gibt, die an psychischen Krankheiten leiden, ja, dass die Wahrscheinlichkeit im Leben psychisch zu erkranken hoch ist. Damit verbunden sind verlorene Jahre an Lebensqualität und Lebensfreude, für die Betroffenen selber, aber oft genug auch für ihr soziales Umfeld. In unserer derzeitigen Leistungsgesellschaft führt dieses ebenso oft zu langen Krankheitszeiten, zu Arbeitsplatzverlusten und zu Frühberentungen.
Wie schnell gerade letzteres drohen kann, durfte ich persönlich erleben.

Gesellschaftlich kommt es zu Verlusten von Talenten und Potentialen, hohen Investitionskosten für neue MitarbeiterInnen, hohen Transferkosten. Menschen mit einer seelischen Erkrankung sind in einer längeren Krankheitsphase nur bedingt in der Lage ihre seelische Gesundheit zu managen.
An Depression Erkrankte erhalten oft keine qualitativ hochwertige Behandlung, weil ihre Depression nicht erkannt wird, oder sie mit Scham besetzt ist. Es ist immer noch “leichter“ und anerkannter einen Herzinfarkt überlebt zu haben. Dennoch gibt es gute Behandlungsformen und Unterstützung. Die eine Seite ist die medizinische Versorgung mit Psychotherapie und/oder z.B. Antidepressiva, Sport, gesünderer Ernährung.
Die andere Seite ist die betriebliche Unterstützung.
Ein gutes Unternehmen hat entweder ein gutes betriebliches Eingliederungsmanagement installiert, oder es sich eingekauft.
Ein guter Eingliederungsmanager, gute Eingliederungsmanagerin, koordiniert notwendige Hilfen und einen möglichen Wiedereinstieg in die Tätigkeit.

Für mich war meine erfahrene Unterstützerin ein Segen, gerade auch, weil ich selbst als Profi an meine Grenzen kam. Dazu kam noch eine sehr gute Wiedereingliederung bei und mit Unterstützung meines vorherigen Teamleiters und seines Teams.
Wenn man länger erkrankt ist, hat man Anspruch auf Eingliederungshilfe – ausgeführt durch Hilfen der Sozialpsychiatrie- da entweder eine Behinderung droht oder, zumeist nach einem halben Jahr, per Definition eingetreten ist. Die Kosten werden von der Gemeinschaft übernommen. Da es aber immer mehr Menschen gibt, die Anspruch auf diese Leistungen haben, wurde zuletzt, in Hamburg, die finanzielle monatliche Zuwendung für die Einrichtungen dieser Hilfeart um knapp 50 Prozent reduziert.
Das heißt konkret, dass auch hier der neoliberale Geist Einzug hält, mit Auswirkungen auf Betroffene und ihre Unterstützer.
Ein nicht unerheblicher Anteil an Menschen mit psychischer Erkrankung bezieht Arbeitslosengeld II oder gleich Sozialhilfe.
Viele finden noch Tätigkeiten im Niedriglohnbereich, in Integrationsfirmen, in Zugewinnprojekten oder in Werkstätten für behinderte Menschen.
Für viele ist es das, was sie sich noch zutrauen oder was noch möglich erscheint.
Das ist nicht per se schlecht, aber es hat nur wenig mit Inklusion, Teilhabe-Chancen und Inhalten der UN-Behindertenkonvention zu tun.
Angesichts der anstehenden revolutionären Veränderungen im Bereich von Arbeit, Gesellschaft und Umwelt, besteht der Bedarf nach individuellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lösungen, jetzt.
Das ist wieder pathetisch, aber die Zukunft findet jetzt statt.
Das heißt es geht um die Stärkung und Entwicklung von Individuen und um die Gestaltung beziehungsweise die Entwicklung angemessener, resilienter, antifragiler Organisationsstrukturen, auch um seelische Gesundheit zu erhalten oder mit „Einschränkungen“ leben zu können.
Und es gibt bereits Ansätze um Neues zu gestalten.

Einige davon sind :
Lernende Organisationen
Community Learning
Reinventing Organisations
Pricencing – Von der Zukunft her führen
New Work
agiles Arbeiten
Human- und Service Design Thinking
Effectuation
Social Entrepreneurship
Social Franchising
Micro Entrepreneurship
Small Businesses
Lean Startup
Business Model Innovation
Open Source
DIY

Diese Ansätze sind innovativ, elastisch, stärkend, progressiv und bieten in ihrer Anwendung, insbesondere ihrem Mindset, aus meiner Sicht, Chancen für die Zukunft für seelisch beeinträchtigte Menschen und unser aller seelische Gesundheit, als Grundlage für die positive Gestaltung unserer Zukunft.
Soweit mein Versuch die Notwendigkeit seelischer Gesundheit, die Folgen seelischer Erkrankung und die Chancen für Gestaltung zu skizzieren. Vielleicht hat etwas davon Wert für Betroffene oder unterstützende HelferInnen.
Der nächste Beitrag wird sich voraussichtlich mit dem Thema „Effectuation“ beschäftigen und warum gerade dieser Ansatz eine gute Ausgangsbasis für die Gestaltung innovativer Hilfen oder TätigSeins-Bereiche bietet könnte.

Bis dahin wünsche ich allen eine gute Zeit, mit herzlichen Grüßen aus dem Norden (Wo der Winter naht…)

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