Flow und Depression

Der ungarische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi veröffentlichte im Jahr 1975 ein Buch mit dem TitelDas Flow-Erlebnis. Jenseits von Angst und Langeweile im Tun aufgehen”Darin beschäftigte er sich intensiv mit dem Thema der intrinsischen Motivation und insbesondere mit dem Gefühl welches entsteht, wenn wir in einer Sache aufgehen und in eine Art Weltvergessenheit geraten. Das Buch ist das Ergebnis eines Forschungsprojektes in dessen Verlauf er Künstler, Schriftsteller, Bergsteiger, Weberinnen, Chirurgen, Forscher, Köche mit einer besonderen Methode untersuchte. Die Menschen wurden mit besonderen “Weckern” ausgerüstet, die in unregelmäßigen Abständen ein Signal abgeben. Erklang dieses musste die jeweilige Tätigkeit oder Lebenssituation unterbrochen werden, um unterschiedliche Fragen zu beantworten und zu notieren. Hierdurch gelangen es Mihaly Csikszentmihalyi mentale Aspekte zu erfassen, welche in der Entstehung von Flow zentral zu sein schienen. Diese sind wie folgt beschrieben:

  • Der jeweilige Mensch fühlt sich den selbst gestellten Anforderungen gewachsen (Schwierigkeit der Aufgabe und Lösungskompetenz befinden sich im Gleichgewicht)
  • Er konzentriert die Aufmerksamkeit auf ein begrenztes, überschaubares Handlungsfeld
  • Auf die Aktivitäten erfolgen klare Rückmeldungen (der Handlungserfolg wird sofort erkennbar)
  • Handeln und Bewusstsein verschmelzen miteinander (eine Außenwelt existiert nicht)
  • Man geht voll in seiner Tätigkeit auf
  • Das Zeitgefühl verändert sich (es lebt ganz im Hier und Jetzt)

Und die Tätigkeit ist zumeist intrinsich, also aus sich selbst heraus, motiviert.

Im Buch beschrieb er einen italienischen Psychiater, der mit Hilfe der Methode langjährig schwer chronisch psychisch erkrankte Menschen untersuchte. Bei einer langjährig hospitalisierten Frau beschrieb er mehrere Flow Momente. Diese tauchten häufig jeweils dann auf, wenn ihr die Fussnägel geschnitten wurden. In der Folge wurde eine Podologin damit beauftragt, der Frau zu zeigen, wie man bei sich selber und anderen die Fußnägel schneidet. Die Frau lernte dieses mit der Zeit, pflegte anderen Menschen die Füße. Im Verlauf dessen ging es ihr zunehmend besser, so dass sie mit Unterstützung aus dem Heim ausziehen konnte, alleine eine eigene Wohnung versorgte und selbständig als Fußpfleger arbeitete.

Mit faszinierte diese Geschichte so sehr, dass ich, nach zwei vergeblich begonnenen Themen, Ende 2001, meine Diplomarbeit ( Flow und Depression – Das Flow-Konzept von M. Csikszentmihalyi als mögliches Handlungskonzept in der Arbeit mit depressiv erkrankten Menschen). schrieb. Um einen Bezug zur Sozialpsychiatrie, in der ich tätig war und bin, zu erhalten stellte, ich die These auf, dass Flow etwas wie ein Gegenpol zu einer Depression sein könnte. In den vergangenen fast achtzehn Jahren begleitete mich das Thema Depression sowohl fachlich, wie familiär, freundschaftlich, kollegial als auch persönlich. Vor diesem Hintergrund versuche ich immer wieder nach Anzeichen von Micro-Flow zu suchen, um diese kleinen Inseln der Klarheit bei psychisch erkrankten Menschen, eben auch bei unter Depressionen leidenden zu fördern und zu verstärken. Mein damaliger Professor Dr. Schürgers fand meinen Ansatz gut, nannte ihn eine Pionierarbeit, zu der es sich lohne weiter zu forschen. Nach den vielen Jahren der praktischen Arbeit als Sozialarbeiter und den eigenen Erfahrungen, schien es nun einem Anteil von mir Zeit, dieses Thema nochmal sichtbarer werden zu lassen. Falls Sie meine Diplomarbeit interessiert, finden sie die hier zum Download (knappe 33 MB groß). Es gibt natürlich neue Forschungen, Medikamente und Veränderungen wie das Bundesteihabegesetz, die UN-BK der Behindertenrechte, Schematherapie und anderes. Am Thema Flow hat sich jedoch bisher wenig verändert.

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